Von Hildegard Backhaus Vink
In Oltingen, BL, hat eine Genossenschaft die Obere Mühle gekauft und zu einem vielfältigen Kultur, Handwerks- und Begegnungsort umgestaltet.
Im alten Dorfkern von Oltingen, einem malerischen 530-Einwohner:innen-Dorf im Oberbaselbiet, sticht ein massives zweistöckiges Haus mit grünen Fensterläden ins Auge: die Obere Mühle. «Die ältesten Teile der Mühle sind von 1281», berichtet Fidelio Lippuner, Mit-Initiant der Genossenschaft Obere Mühle, stolz, als wir im Mühleraum stehen. Die schätzungsweise 60 Zentimeter dicken, weiss getünchten Mauern mit Kalkverputz legen Zeugnis von dem hohen Alter ab. «Die Obere Mühle liegt direkt an der Schafmattstrasse. Von hier aus haben die Menschen früher den Pass über die Schafmatt genommen, hier wurden die Kutschen umgespannt », erklärt Fidelio Lippuner. Begegnung, Austausch und Auf-dem Weg-Sein sind auch heute noch Motive, die zur Oberen Mühle passen.
Von Basel nach Oltingen
Thekla Michel und Fidelio Lippuner kamen vor 10 Jahren aus Basel nach Oltingen. «Wir waren auf der Suche nach einem Ort auf dem Lande», beginnt Fidelio Lippuner zu erzählen, «deshalb sind wir hierher gezogen.» «Erleichternd kam hinzu, dass man mit dem öffentlichen Verkehr in 45 Minuten in Basel ist», ergänzt Thekla Michel. Zunächst helfen die Sozialarbeiterin und der gelernte Innendekorateur im Gasthof «Ochsen» mit. Schon bald werden sie auf das imposante Bauwerk gegenüber aufmerksam, die denkmalgeschützte alte Mühle.
«Die Mühle war zum Verkauf ausgeschrieben. Da sind wir hellhörig geworden», erzählt Fidelio Lippuner weiter. Der Vorbesitzer hatte über 30 Jahre lang den Mühle-Komplex mit viel Liebe und Sorgfalt renoviert und wollte ihn nicht an renditeorientierte Käufer:innen abgeben. «Das hat uns sehr gereizt, hier einen Ort für Kultur und Begegnung aufzubauen und die Mühle zu beleben», fährt Fidelio Lippuner fort.
Er und Thekla Michel suchen sich kompetente Gesprächspartner:innen in Basel – wie die Stiftung Edith Maryon und Barbara Buser vom baubüro in situ – und tauschen sich mit ihnen aus, wie man ein solches Projekt angehen könnte. Sie beschliessen, Mitstreiter:innen zu suchen und eine Genossenschaft zu gründen. «Wir hatten ein klares Bild davon, dass wir die Obere Mühle Menschen zur Verfügung stellen möchten, die diesen Ort beleben und nutzen möchten», so Thekla Michel. Auf der Suche nach einer passenden Bank stossen sie im Internet auf die Freie Gemeinschaftsbank. «Ich hatte gesehen, dass die Freie Gemeinschaftsbank Projekte dieser Art finanziert,» berichtet Fidelio Lippuner. «Deshalb habe ich dort angefragt und war froh, dass unser Konzept bei der Bank auf Verständnis stiess.»
Inzwischen waren Thekla Michel und Fidelio Lippuner in eine der beiden Mietwohnungen in die Mühle gezogen, wo sie noch heute wohnen. Die mittlerweile gegründete Genossenschaft konnte mithilfe eines Hypothekardarlehens der Freien Gemeinschaftsbank die Obere Mühle erwerben – der Verkäufer war sogar mit dem Preis entgegengekommen – und mit der «Belebung» starten.
Bunte Vielfalt
«Die Mühle lebt von der Initiative der Menschen, die sich hier einbringen», ist Fidelio Lippuner überzeugt. So vielfältig wie die Menschen, so bunt ist die Nutzung: Im imposanten Mühleraum, dem ältesten Teil der Mühle mit hervorragender Akustik, finden Veranstaltungen statt, in erster Linie Kleinkunst und Kabarett, gelegentlich auch Konzerte. Der Ort hat sich mittlerweile unter Künstler:innen herumgesprochen, so dass die Genossenschaft Raum Werbung für den Veranstaltungsort machen muss. «Hier sitzen die Künstler:innen hinterher mit dem Publikum zusammen», berichtet Vorstandsmitglied Andi Mathis, verantwortlich für die Töpferei. Der Mühleraum ist aber nicht nur Aufführungsort, sondern bietet auch Raum für die Kleidertauschbörse «Offener Kleiderkasten», wo jede:r Kleidung bringen und mitnehmen kann.
Im luftigen und grosszügigen Dachstock werden Yoga und Gesundheitskurse angeboten. Im Atelier und im Erdgeschoss befinden sich eine gewerbliche Polsterei, eine Web- und Nähwerkstatt, eine offene Töpferwerkstatt zur freien Nutzung und eine heimelige Märchen- Bibliothek unter grossen Holzbalken, die buchstäblich eine «Schatzkiste» ist und auch für Märchenveranstaltungen genutzt wird.
«Unsere Angebote verbinden sich auf vielfältige Weise miteinander: Leute, die für eine Veranstaltung kommen, übernachten hier, oder Teilnehmende eines Workshops kaufen hinterher ein Märchenbuch», freut sich Thekla Michel. Fidelio Lippuner ergänzt: «Wir wollen Raum schaffen für Begegnung. Und wir können jede:n nur ermutigen, im eigenen Dorf etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen.»