Von Max Ruhri
Zentralbanken in Europa und den USA beginnen die Leitzinsen anzuheben. und Geschäftsbanken in der Schweiz erhöhen die Zinsen für Festhypotheken. Wie geht die Freie Gemeinschaftsbank damit um?<
Kurz vor der letzten Finanzkrise befanden sich die Zinsen in der Schweiz auf hohem Niveau, nachdem sie nach der IT-Krise im Jahr 2001 stark angestiegen waren. Direkt nach der Finanzkrise sanken sie wiederum deutlich ab. Nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Jahr 2015 den Leitzins in den negativen Bereich gesenkt hatte, um die Aufwertung des Franken zu bremsen, fiel das Schweizer Zinsniveau auf ein historisches Tief. Oft wird der Eindruck erweckt, dass die Höhe der Zinsen am Markt einer höheren Macht gehorchen, der sich jede:r beugen muss. Das ist nur bedingt richtig: Wenn alle Beteiligten – beispielsweise alle Kund:innen einer Bank – mitspielen, könnten die Zinsen einer Bank einfach auf einem konstanten Niveau bleiben. Aber das hat einen Preis.
Abweichungen vom Marktzins
Insbesondere in den Jahren 2006 bis 2008 befanden sich die Zinsen in der Schweiz auf sehr hohem Niveau. Die Freie Gemeinschaftsbank machte diese Hochzinsphase mit nur sehr moderaten Zinserhöhungen mit. Für Kreditnehmer:innen war die Freie Gemeinschaftsbank daher in dieser Zeit sehr attraktiv. Sie hatten allein schon aus der Kostenperspektive einen Anreiz, Kredite bei der Freien Gemeinschaftsbank abzuschliessen. Aus Sicht der Anleger:innen war die Freie Gemeinschaftsbank durch die tiefen Zinsen finanziell nicht sehr lukrativ. Dennoch brachten sie ihr Geld nicht zu anderen Banken.
Während der letzten zehn Jahre etwa befanden sich die Zinsen auf historisch tiefem Niveau. In dieser Situation blieb die Freie Gemeinschaftsbank zwar nicht deutlich, aber doch immerhin spürbar oberhalb der Marktzinsen. Kreditnehmer:innen konnten bei manchen anderen Banken billigere Kredite erhalten. Aus rein finanzieller Perspektive gab es einen Anreiz, zu anderen (vor allem grossen) Banken zu wechseln. Anleger:innen erhielten in dieser Zeit keinen oder einen nur sehr geringen Zins. Doch auch dieser war höher als bei manchen anderen Banken, die vor allem für grössere Guthaben Negativzinsen verlangten. Auch die Freie Gemeinschaftsbank hatte eine Phase mit negativen Zinsen, konnte aber während der letzten vier Jahre ohne diese Belastung der Kund:innen auskommen. Es gab einen Anreiz, Geld – insbesondere grössere Beträge – zur Freien Gemeinschaftsbank zu bringen.
Balance zwischen Anlagegeldern und Krediten
Diese Unterschiede im Verhalten auf der Anlage- und Kreditseite können dazu führen, dass das Verhältnis zwischen Kundenguthaben und Kreditvolumen, das für eine Bank wichtig ist, aus der Balance gerät. Wenn zu viele Kundengelder und zu wenig Kredite vorhanden sind, muss das überschüssige Geld irgendwo hin: In der Regel gelangt es in Form von Liquidität auf das Konto der Freien Gemeinschaftsbank bei der Schweizerischen Nationalbank.
Es hat sich gezeigt, dass sowohl Kreditkund:innen als auch Anleger: innen bei der Freien Gemeinschaftsbank bereit sind, konstante Zinsen mitzutragen, da sie auf Zinsänderungen am Markt nicht sofort reagieren. Dies wurde in den letzten Jahren vor allem in einem recht ausgewogenen Verhältnis zwischen Kundengeldern und ausbezahlten Krediten sichtbar, das bei der Freien Gemeinschaftsbank durch das Verhalten aller in einer Balance war. Die Wirkung ist, dass Kreditprojekte eine relativ konstante Zinsbelastung haben und ihre Ausgaben weniger marktbedingten Schwankungen unterliegen. Es gelingt durch das Zusammenwirken aller Beteiligten, Marktbewegungen, die oft durch Spekulationsverhalten der Marktteilnehmer: innen hervorgerufen werden, abzufedern.
Langsamkeit als Strategie
Im ersten Halbjahr haben die meisten Banken ihre Zinsen für Festhypotheken zum Teil deutlich angehoben. Wenn Festhypotheken verlängert oder neu abgeschlossen werden, müssen Kreditkund:innen nun einen höheren Zins bezahlen. Dadurch steigt der Ertrag dieser Banken etwas an. Aber da nur neue bzw. verlängerte Festhypotheken höher verzinst werden, steigt der gesamte Ertrag in sehr geringem Ausmass. Warum aber bleiben die Zinsen für Sparguthaben tief oder sogar negativ? Hebt eine Bank die Zinsen für Sparguthaben an, steigt der Zinsaufwand für alle Sparguthaben sofort und die dadurch entstehende Belastung für die Bank ist enorm. Die Zinsen auf Sparguthaben können daher erst dann angehoben werden, wenn genug neue oder verlängerte Festhypotheken einen höheren Zinsertrag generieren. Es gibt Prognosen, dass dies voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2023 der Fall sein wird.
Und was macht die Freie Gemeinschaftsbank? Auch die Freie Gemeinschaftsbank muss beginnen, für höhere Zinsen von Sparguthaben vorzusorgen, aber langsam und nur in sehr kleinen Schritten. Daher steigen die Preise für Festhypotheken auch bei uns – aber in deutlich geringerem Ausmass und nur so weit, dass der Zinsertrag unsere Kosten und nötige Reservenbildung deckt. Aktuell sind wir mit den Zinsen für Festhypotheken bereits deutlich unter den Marktzinsen.
Diese Langsamkeit der Freien Gemeinschaftsbank hat noch einen weiteren Grund: Auch wenn andere Banken mit der Begründung steigender Inflation ihre Kreditzinsen bereits deutlich anheben, ist noch nicht absehbar, wie sich die Marktzinsen weiter entwickeln: Das Geldangebot in der Schweiz ist weiterhin hoch, eine Rezession könnte die Zinsen wieder auf ein tieferes Niveau drücken. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass der aktuelle Anstieg der Marktzinsen eine spekulative Überreaktion ist, die sich bald wieder relativiert. Während Sie diese Zeilen lesen, könnte das bereits geschehen sein. Wir warten ab und navigieren langsam und so ruhig es uns möglich ist, durch diese bewegten und hinsichtlich der Zinsentwicklung unsicheren Phasen. Das können wir, weil alle Beteiligten – insbesondere die Kund:innen der Freien Gemeinschaftsbank – mitspielen.