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Krieg und Frieden

April 2024

Von Max Ruhri

«Das Geheimnis des Politischen und der Demokratie besteht darin, Lebensräume zu schaffen, in denen die Menschen lernen, einander gegenüberzutreten, ohne sich gegenseitig umzubringen, und zu geben, ohne sich anderen zu opfern.» (Alain Caillé, Das Paradigma der Gabe, Bielefeld 2022, S. 77)

Die von Alain Caillé in Fortsetzung der Arbeit des Ethnologen Marcel Mauss (Marcel Mauss, Die Gabe, Frankfurt/M. 1990) aufgeworfene Fragestellung ist offensichtlich nicht nur im Bereich der internationalen Politik relevant, sondern in jedem menschlichen Zusammentreffen. Dazu könnte man die Beschreibung etwas abmildern und anstatt «umbringen» einfach «abschreiben, für nichtig erklären» einsetzen. Die Frage ist: Wie kann ich meine Sichtweise, mein Bedürfnis, mein Interesse vertreten, ohne dass der/die Andere verschwinden muss. Und umgekehrt: Wie kann ich jemanden unterstützen, etwas geben, ohne mich selbst und meine Bedürfnisse zu verlieren? Mit einem Satz: Wie können wir so in Kontakt sein, dass alle Beteiligten gleichermassen anwesend bleiben und keine:r verschwindet?

Es gibt im sozialen Kontext einen wesentlichen Unterschied zwischen der materiellen Ebene und der kulturellen Ebene des Zusammenlebens. Im Bereich der Kultur gibt es ein Bedürfnis nach Anerkennung: der individuelle Mensch, eine bestimmte Kultur oder Kunstschaffende wollen wahrgenommen und als solche anerkannt werden. Auch in Fragen der Lohnverteilung in Organisationen geht es neben der Kaufkraft wesentlich um die Frage der Anerkennung – in diesem Fall der erbrachten Leistung.

Wenn jemand anerkannt wird, gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Anerkennung erwidert wird – und umgekehrt. Anerkennung oder Nicht-Anerkennung sind meistens wechselseitig: sowohl – als auch. Anerkennung ist inklusiv. Anerkennung führt in der Regel zu einer Ausweitung der Kultur der Anerkennung.

Anders auf der materiellen Ebene: Materie ist exklusiv. Wenn ich den Apfel habe, hat ihn keine:r sonst. Wenn ich mehr Lohn bekomme, bekommt jemand anders weniger. Wenn ich eine Arbeit nicht mache, muss sie ein anderer machen. Wenn ich ein Land besitze, besitzt es kein anderer: entweder – oder. Wenn wir aufeinander zugehen, rein auf dieser Ebene des «Du oder Ich», wird die Frage der Verteilung zum Kampf um Ressourcen, den die jeweils Mächtigeren gewinnen. Macht auf dieser Ebene beruht auf Eigentum von Ressourcen, Waffen, Produktionsmitteln.

Wenn es gelingt, eine Kultur des Interesses zu entwickeln, entstehen Spielräume, in denen die Verteilungsfragen bzw. die materiellen Fragen in Anerkennung der wechselseitigen Bedürfnisse verhandelt werden können. Bedingung ist aber, die jeweils Anderen a priori anzuerkennen – nicht nur als Handelspartner:innen, sondern als Individuen, Staaten, Organisationen mit ihren jeweiligen Kulturen und Impulsen, aus denen sich eben auch spezifische Bedürfnisse ableiten. Wenn sich jemand beispielsweise für einen Landwirtschaftsbetrieb und seine dort tätigen Menschen begeistert, ist diese Person oft bereit, ein Darlehen mit sehr geringen Zinsen oder sogar zinslos zu geben. Da zeigt sich der Spielraum, der durch Interesse und Anerkennung entsteht.

Friedensarbeit oder gemeinsame Entwicklung basiert auf Anerkennung, Nicht-Anerkennung führt zum Gegeneinander. Vor diesem Hintergrund ist der rote Teppich bei Staatsbesuchen oder der nicht gewährte Handschlag von Donald Trump gegenüber Angela Merkel von grundlegender symbolischer Bedeutung. 

Max Ruhri, Mitglied der Geschäftsleitung, Foto: Oliver Baumann