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E-Banking

Finanzvorschuss und Vertrauensvorschuss

September 2026

Von Hildegard Backhaus Vink

Der gemeinnützige Verein Ting ist eine Gemeinschaft, die Geld umverteilt und Initiativen ermöglicht. Ein Gespräch mit den Gründungsmitgliedern Ralph Moser, Ondine Riesen und Silvan Groher über Geld und Vertrauen.

Was ist Ting und was bedeutet der Name? 

Ralph Moser: Der «Ting» war bei den Germanen die Volksversammlung. Für uns war das ein guter Name, um die gleichberechtigte Gemeinschaftlichkeit auszudrücken und gleichzeitig die Eigeninitiative zu beschreiben: das «eigene Ding». 

Silvan Groher: Kurz gesagt: Ting ist eine Gemeinschaft, die sinnhafte Vorhaben mit Wirkung finanziert. Mit monatlichen Beiträgen bauen wir ein gemeinsames Vermögen auf, das Mitgliedern transparent und in Form eines zeitlich begrenzten Einkommens zur Verfügung steht. Wir nennen das «Ting-Geld». Ting wurde geschaffen, um Menschen zu befähigen, Vorhaben in die Tat umzusetzen, die positiv auf ihr Leben und die Gesellschaft wirken.

Ondine Riesen: Ein «sinnhaftes Vorhaben» kann auch bedeuten, sich selbst weiterzuentwickeln, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen und so positiv auf das eigene Leben und die Gesellschaft zu wirken. Das Ting-Geld schafft Freiraum, um Energie zu sammeln, Neues zu denken und sich auszuprobieren. Wir verstehen es als Anschub oder Katalysator für die nächsten Schritte eines eigenen Projekts.

Wir hatten zum Beispiel eine Frau, die verzweifelt eine Wohnung gesucht hatte und ausserdem nicht sicher war, wie es beruflich weitergehen sollte. Am Ende ihrer Ting-Auszeit hatte sie sowohl eine Wohnung in einer anderen Stadt gefunden als auch eine klare berufliche Perspektive. Sie erhielt Zeit, sich zu sortieren. Auch das kann Ting-Geld ermöglichen.

S. G.: Ein anderes, berührendes Beispiel war die durch Ting ermöglichte berufliche Neuorientierung eines Mitglieds als «Lernbegleiter» im Lernhaus Sole, Mollis. Dort erlebte er mit, wie ein «Schulverweigerer», der zuvor monatelang nicht mehr gesprochen hatte, nach fünf Tagen in der neuen Umgebung wieder anfing zu sprechen. Das Lernhaus Sole stellt individuelles, selbstbestimmtes Lernen und die Beziehung zu den anderen Kindern und Lernbegleitenden in den Mittelpunkt seiner Arbeit.

Wie funktioniert Ting?

S. G.: Jede:r kann Mitglied bei Ting werden, einen monatlichen Beitrag zwischen 75 und 150 Franken zahlen und nach einer Wartefrist einen Antrag einreichen, um eine sinnvolle Initiative mit Mehrwert zu verwirklichen. Für diese Initiative erhält der oder die Antragstellende maximal sechs Monate lang einen Beitrag zum Leben, der bis zu 2‘500 Franken betragen kann. 

R. M.: Dabei nutzen wir das Umlageverfahren: Die Einzahlungen eines Monats gehen als Auszahlungen im darauf folgenden Monat wieder heraus, und zwar am Monatsanfang anstatt am Monatsende wie bei der Lohnzahlung. Damit geben wir nicht nur einen Finanzierungsvorschuss, sondern auch einen Vertrauensvorschuss. Wir koppeln Geld mit Vertrauen – letztendlich ist Geld ja nichts anderes als Vertrauen!

Interessant ist, dass das eingezahlte Geld durch die Gemeinschaft eine Hebelwirkung entfaltet: Ich kann mit wenig eingezahlten Beiträgen bereits Ting-Geld beziehen und eine eigene Initiative voranbringen, die ich  danach weiterführen kann. Und meine anhaltenden Einzahlungen bewirken dasselbe bei anderen Mitgliedern. Das geteilte Geld hat somit eine grösstmögliche Wirkung, solange die Solidarität vorhanden ist. 

Wie kam es zur Gründung von Ting?

S. G.: Ralph und ich waren bereits bei der Initiative Grundeinkommen (2016) dabei. Nachdem die Initiative an der Urne gescheitert war bzw. einen Achtungserfolg errungen hatte, wollten wir eine Möglichkeit schaffen, Menschen für eine begrenzte Zeit für eigene Initiativen finanziell freizustellen. Das Ganze sollte gemeinschaftsgetragen sein und ein Auswahlverfahren beinhalten.

R. M.: Mit Ting erproben wir gleich mehrere Ansätze: Erstens: Wir fördern die Zirkulation von Geld in der Realwirtschaft. Zweitens: Wir ermöglichen einen solidarischen Umgang mit Geld, indem einige Mitglieder mehr zahlen, andere weniger und jede:r die Möglichkeit hat, ein Projekt zu beantragen – wobei ein hoher Prozentsatz der Mitglieder bislang keine eigenen Initiativen eingereicht hat. Und drittens, fast noch am Wichtigsten: Wir glauben fest daran, dass jeder Mensch grundsätzlich kreativ und kooperativ ist und etwas Sinnvolles für die Gesellschaft leisten möchte. Das Argument, ein finanzieller Freiraum führe zum Faulenzen in der Hängematte können wir aus unserer Erfahrung heraus nicht bestätigen. Einfach nur Faulsein verschafft langfristig gar keine Erfüllung.

O. R.: Motivierend ist auch, dass die Antragstellenden Geld von einer Gemeinschaft erhalten, die sie nicht kennen, von der sie sich aber getragen fühlen. Das ist am Anfang ein ungewohntes Gefühl, 2‘000 Franken oder mehr von fremden Menschen anzunehmen, weil sie an das Projekt glauben. Das schafft Vertrauen und eine enorme Verantwortlichkeit, das Geld sinnstiftend und wirksam einzusetzen. Dieses Gefühl, dass eine Gemeinschaft an einen glaubt, verändert etwas im eigenen Selbstverständnis. 

Muss ein Antrag Bedingungen erfüllen und wenn ja, welche?

S. G.: Wir stellen drei Bedingungen an einen Antrag: Das Projekt hat einen Mehrwert für den eigenen Lebensweg, für die Gesellschaft und ist gesetzeskonform. Auf unserer Website stellen wir einen umfangreichen Fragebogen zur Verfügung, der dabei hilft, die eigene Motivation zu formulieren und die Fragestellung des Projekts zu schärfen. 

Wie werden die Projekte ausgewählt?

R. M.: Jedes Mitglied kann sich melden, um Antragsprüfer:in zu werden, bislang sind das rund 50 Personen. Wir selbst haben bewusst darauf verzichtet, an den Auswahlverfahren beteiligt zu sein, weil nicht wir, sondern die Gemeinschaft darüber entscheiden soll. Mindestens fünf Prüfer:innen sind notwendig, um innert 14 Tagen über einen Antrag zu entscheiden. Meist sind es ca. sieben Prüfer:innen, die einen Antrag lesen und für den oder die Antragsteller:in kommentieren. Jede:r entscheidet anschliessend für sich, ob sie oder er dieses Vorhaben mit Ting-Geld unterstützen möchte oder nicht.

Was passiert, wenn ein Antrag auf Ting-Geld abgelehnt wurde?

S. G.: In dem Fall gibt es die Möglichkeit, den Antrag auf der Basis des erhaltenen Feedbacks zu überarbeiten und erneut einzureichen oder seine eigenen, bereits eingezahlten Beiträge ohne Unterstützung der Community für sein Projekt zu verwenden. In dem Fall fungieren die getätigten Einzahlungen wie ein Sparkonto, wir nennen das «Ting-Garantie».

Was hat Ting bis jetzt erreicht?

O. R.: Wir haben eine Fülle an Geschichten, was mit Ting-Geld umgesetzt wurde: Jemand hat eine Refill-Station entwickelt, wo man Getränke mit Wasser und natürlichen Aromen mixen und in Mehrwegflaschen abfüllen kann – eine Alternative zur Einwegflasche und damit ein Schritt zu einer zirkulären Zukunft. Andere Menschen haben nachhaltige Produkte entwickelt oder ein Intensivstudium Kreislaufwirtschaft absolviert, ihr Angebot als Körpertherapeutin ausgeweitet oder nach vielen Jahren Familie und Beruf eine Atempause zur inneren Neuausrichtung eingelegt.

S. G.: Ting liefert ein erfolgreiches Beispiel, wie Geld durch eine solidarische Gemeinschaft verwandelt und in seiner positiven Wirksamkeit vervielfacht werden kann. Es bietet den Rahmen dafür, dass der soziale und kreative Kern in jedem Menschen zur Erscheinung kommen kann. Wir glauben daran, dass es eine Alternative zur heute gelebten zerstörerischen kapitalistischen Logik gibt: eine Wirtschaft, die darauf setzt, füreinander und die Umwelt Sorge zu tragen. Ting ist letztendlich ein Vertrauensexperiment, das zeigt, dass Menschen  gemeinschaftlich handeln wollen und können.

Erklärt

Jede:r kann Mitglied von Ting werden und entweder 75 oder 150 Franken im Monat einzahlen. Eine Gönnermitgliedschaft ohne die Möglichkeit, einen Antrag zu stellen, ist ab 10 Franken im Monat möglich. Die  Kündigungsfrist der Mitgliedschaft beträgt drei Monate.

• Nach einer Wartefrist von sechs Monaten kann  erstmalig ein Antrag auf Ting-Geld eingereicht werden. Er muss mindestens einem Sustainable Development Goal (SDG) entsprechen und ausserdem gesetzeskonform
sein. Der anonymisierte Antrag wird von freiwilligen Prüfer:innen begutachtet. 
• Die Dauer der Mitgliedschaft entscheidet über die  maximale Höhe des Ting-Geldes pro Monat: maximal 2‘000 Franken im ersten Jahr, bis zu 2‘250 Franken im zweiten Jahr und bis zu 2‘500 Franken ab dem dritten Jahr. 
• Ein Bezug von Ting-Geld mit anschliessender  Kündigung der Mitgliedschaft ist missbräuchlich und verstösst gegen die AGB von Ting.

Das Umlageverfahren für das Ting-Geld läuft über vier Konti:
1. Die ersten drei Beiträge aller Mitglieder werden auf das
Rücklagenkonto verschoben, um bewilligtes Ting-Geld in jedem Fall auszahlen zu können.
2. Monatliche Überschüsse, Defizite und Spenden werden in die Liquidität überführt, um das System auch bei einer hohen Fluktuation stabil zu halten. 
3. Das monatlich angesammelte Geld im Gemeinschaftskonto wird im darauf folgenden Monat als Ting-Einkommen an Mitglieder in Weiterentwicklung ausbezahlt. 
4. Mit den erhobenen Gebühren werden laufende Verwaltungskosten gedeckt.

Alle Mitglieder haben Zugang zum digitalen Cockpit mit detaillierten Informationen zum Geldfluss und können über die Ting-Regeln mitbestimmen.