Von Hildegard Backhaus Vink
Im November letzten Jahres besuchten die Mitarbeitenden der Freien Gemeinschaftsbank die Ausstellung «Ethik der Wahrnehmung» im Philosophicum in Basel. Ein Gespräch mit Philosophicum-Gründer Stefan Brotbeck über einen spannenden Schlüssel auf dem Weg zur Bewusstwerdung.
→ Wir haben im letzten Jahr die Ausstellung «Ethik der Wahrnehmung» besucht, die noch lange bei uns nachhallte. Ihr habt sie im Untertitel «Ein Denkraum» genannt. Was heisst das?
Unsere Ausstellung – unser «Denkraum» – ist so konzipiert, dass die Menschen, die ihn betreten, zu «Mitdenkenden» werden. Wir möchten keine Besucher:innen. Alle, die zu uns kommen, sind eingeladen, mit uns in ein Gespräch zu kommen. Bei der Arbeit zum Denkraum ist mir aufgegangen: Es gibt nicht nur Bücher und Vorträge, sondern auch Orte, die wir als Medium für unsere Arbeit gestalten können. Ich träume davon, dass wir Denk-Orte schaffen – auch über Basel hinaus –, die die Gesprächsfähigkeit fördern. Orte, die etwas Tiefes, Echtes, Stilles, ein Wandeln und Verwandeln ermöglichen.
→ Was muss man sich unter «Ethik der Wahrnehmung» vorstellen?
Der Ausdruck «Wahrnehmung» stammt sprachgeschichtlich vom althochdeutschen «wara neman», das heisst: «acht geben», «gewahr werden», «seine Aufmerksamkeit auf etwas richten». Für uns war damit eine «Ethik der Wahrnehmung» eine «Ethik der Aufmerksamkeit» oder eine «Ethik der Bewusstwerdung». Ausgangspunkt für den Denkraum war die Frage von Diversität und Individualität. Wenn ich sage: Für mich sind alle Menschen gleich, mir geht es nur um das Individuum, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Klasse, sexueller Orientierung, dann laufe ich Gefahr, die reale Diskriminierung in der Gesellschaft aufgrund von Gruppenzuschreibungen und das Leid der Betroffenen zu verharmlosen und zu banalisieren. Wenn ich aber sage: Jede:r ist immer Angehörige:r einer Gruppe, z. B. die der alten weissen heterosexuellen Männer, dann fange ich an zu «schubladisieren» und erblinde für die individuelle Person. Aus dieser ebenso aufreibenden wie ermüdenden Ausweglosigkeit wollen wir einen Ausweg finden, der keine Ausflucht ist.
→ Wie seid Ihr da herausgekommen?
Wir haben festgestellt: Es gibt mit Blick auf unseren Umgang mit Gruppenzugehörigkeiten destruktive Sichtbarmachung und destruktive Unsichtbarmachung, ebenso wie es produktive Sichtbarmachung und produktive Unsichtbarmachung gibt. Zur destruktiven Sichtbarmachung gehört das ständige Hervorheben und Verfeinern von gruppenbezogenen Kategorien. Zur destruktiven Unsichtbarmachung gehört die Beschwörung des Allgemein-Menschlichen, um reale Diskriminierung, also Benachteiligung oder Bevorzugung, unter den Teppich zu kehren.
→ Und Ihr habt versucht, die produktiven Elemente herauszuarbeiten und zu stärken?
Ganz genau. Übergreifend kann man die destruktiven Elemente als Polarisierung und Banalisierung beschreiben. Eine polarisierende Haltung kommt z. B. in dem obigen Beispiel so zum Ausdruck: «Ich stehe auf der richtigen Seite, die anderen sind die Ewiggestrigen.» Die Banalisierung könnte demgegenüber sagen: «Es gibt Pendelschläge in der Geschichte und die Zeiten werden auch wieder anders.» Das produktive Sichtbarmachen und Unsichtbarmachen lässt sich in einem Satz sagen: Wir begegnen uns als Sonnen in der Vielfalt unserer Eigenschaften. Wir sind keine blossen Eigenschaftsbündel und schon gar nicht die Summe von Gruppeneigenschaften. Das wäre keine Würdigung, sondern eine Entwürdigung der Menschen.
→ Wie schaffen wir es, aus dieser Polarisierungs- und Banalisierungsfalle herauszukommen?
Das geht nur, indem wir als erstes die Sehnsucht entwickeln, aus dieser durch und durch witzlosen Binarität,aus diesem Spalten herauszukommen, die Sehnsucht nach einer echten Perspektive. Es geht aber nicht um ein nivellierendes «Sowohl-Als auch», da wären wir wieder im Bereich der Banalisierung. Sondern es geht darum, die Komplexität der Fragestellung offen zu halten und auf eine höhere Ebene zu heben.
→ Was heisst das genau und wie geht das?
Einfach gesagt: Es braucht neue Fähigkeiten, die Fähigkeit des Entbanalisierens und die Fähigkeit des Entpolarisierens. Wenn ich entbanalisiere, nehme ich die berechtigten Punkte der Polarisierung ernst: Ja, es gibt Diskriminierungen in unserer Gesellschaft aufgrund von Gruppenzugehörigkeiten. Ich wische das reale Leid nicht einfach vom Tisch. Wenn ich entpolarisiere, sage ich: Die Gruppenzugehörigkeit definiert nicht den ganzen Menschen. Das, was uns wirklich verbindet, ist keine Gruppeneigenschaft, sondern unsere Freiheitsfähigkeit, die auch darin besteht, dass wir uns zu unseren Gruppeneigenschaften verhalten können. – Kurz: Die Entbanalisierung tritt so in Beziehung zur Polarisierung und nimmt deren berechtigten Punkte auf, ebenso wie die Entpolarisierung die berechtigten Aspekte der Banalisierung thematisiert.
→ Welche Aufgaben stellen sich uns aus dieser Erkenntnis?
Wir müssen das scharfsinnige Entbanalisieren und das tiefsinnige Entpolarisieren entwickeln und miteinander verbinden. Es geht um eine Art spirituelle Bewegungskunst, vielleicht auch um eine spirituelle Kampfkunst, die das starrsinnige Polarisieren und das flachsinnige Banalisieren überwindet. Es geht um ein Umdenken, um einen Sinneswandel. Dafür gibt es keinen Trick. Das geht nicht «husch husch». Dafür gibt es aber Wege, Aufgaben und Perspektiven, die wir an konkreten Fragen und Konflikten entwickeln können. Das alles macht Freude, es weitet unseren Horizont und gibt unserem Leben Aufschwung und Tiefe.
Stefan Brotbeck, Philosoph, Autor, Gründer des Philosophicums. Seminar- und Beratungstätigkeit für Philosophie und Anthroposophie.
Foto: Nicole Reichenback
Erklärt: Philosophicum
Das Philosophicum in Basel wurde 2011 von Stefan Brotbeck und Nadine Reinert als Initiativraum für Mensch, Kultur und Wissenschaft gegründet. Das Philosophicum versteht sich als «Laboratorium des Geistes», als eine freiwillige und freilassende Bildungsarbeit mit und für Menschen, die die geistige Auseinandersetzung lieben und Bildung und Kultur als existenzielle Praxis verstehen.