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Die Gabe

April 2024

Von Max Ruhri

«Krieg und Frieden» war das Thema in einem früheren Blog-Artikel – was uns trennt und verbindet und wie Spielräume durch Anerkennung entstehen. Wie können diese Spielräume im ökonomischen Prozess beschrieben werden und welche Funktion hat die «Gabe»?

Es scheint, als gäbe es einen Konsens, dass wirtschaftliches Handeln rein aus Egoismus geschähe. Wir lernen es an den Unis, hören und sehen es in der Werbung, erfahren es im Alltag. Es kommt nicht in Betracht, was am anderen Ende mit Menschen und Umwelt passiert, wie Landschaften und Menschen ausgebeutet werden. Wir produzieren zumeist für den eigenen Ertrag und konsumieren zur Bedürfnisbefriedigung. 

Zugleich gehört es zum guten Ton, Armut zu bekämpfen und die Umwelt zu schützen – durch Zuwendungen aus jenen Erträgen, die in der ökonomischen Logik der Selbstoptimierung erwirtschaftet wurden. Es sind die gleichen Menschen – wir –, die das eine und das andere machen: ausbeuten und durch Mildtätigkeit die Folgen der Ausbeutung lindern. Hier ist offensichtlich etwas auseinandergefallen: Wir erleben uns auf der einen Seite als smarte Geschäftsleute oder Konsument:innen, die gute Deals machen, ohne die Konsequenzen genau zu hinterfragen, und auf der anderen Seite als grosszügige Spender:innen und Quelle des Guten in der Welt. Oder als Ausgebeutete, die trotz immenser Arbeitslast ihren Lebensunterhalt kaum bestreiten können oder in anderweitig prekären Situationen leben. Die Frage ist: Wie können Zuwendung und Anerkennung mit der Tätigkeit von Produktion und Konsum so zusammen gehen, dass Umweltzerstörung, Leid und Ausbeutung gar nicht erst entstehen? Eine Utopie? 

Der Charakter des Schenkens beruht auf der Anerkennung der Beschenkten und ihrer Bedürfnisse: «Die Gabe fungiert (…) als Operator der Anerkennung des Wertes sozialer Gruppen und Akteure (…).» (Alain Caillé, Das Paradigma der Gabe. Eine sozialtheoretische Ausweitung, Bielefeld 2022, S. 105). Das heisst: Die Gabe ist nichts anderes als der Ausdruck der Anerkennung. Im ökonomischen System der Produktion und des Konsums kommt die Anerkennung und damit die Gabe fast nie vor – sie wird in den Bereich des Idealismus ausgelagert. Warum? In ökonomischen Beziehungen ist diese Anerkennung nicht möglich, da die anderen Menschen sowie die Natur, aus der die Produkte hervorgehen, nicht sichtbar sind. Obwohl die gesamte Wertschöpfung auf Wirtschaftsbeziehungen beruht – jedes Produkt geht in seiner Entstehung und im Verzehr von einer Hand zur anderen –, sind die beteiligten Menschen und die Umwelt unsichtbar. 

Wirtschaftsbeziehungen müssen mehr und mehr von sozialen Beziehungen begleitet werden, damit die beteiligten Menschen sichtbar werden. Erst wenn die Menschen und zugleich die Natur als Ursprung der Produktion sichtbar werden, kann Anerkennung stattfinden – wenn wir sie kultivieren. Mit der Anerkennung erscheint die Gabe als «Operator der Anerkennung» im  wirtschaftlichen Prozess. Was bedeutet der Charakter der Gabe im wirtschaftlichen Prozess? Der Charakter der Gabe bedeutet, dass wir für andere und im Bewusstsein der Natur sowie der Bedürfnisse der anderen produzieren und dass wir im Bewusstsein der Natur und der Produzierenden und ihrer Bedürfnisse bezahlen – so viel, dass ihnen ein gutes Leben möglich ist. Und all das nicht aus abstrakten Moralvorstellungen heraus, sondern weil es uns ein Bedürfnis ist. Der Charakter der Gabe entspricht daher dem Charakter der «Brüderlichkeit» im Wirtschaftsleben und beruht auf der Anerkennung der anderen. Es gibt also zu tun … 

Max Ruhri, Mitglied der Geschäftsleitung, Foto: Oliver Baumann