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«Im Zusammenspiel mit der Natur sein» – Biohof Chrutig

September 2026

Von Hildegard Backhaus Vink

In Baldegg im Luzerner Seetal betreiben Selina Niederberger und Alexander Häberling gemeinsam mit anderen Menschen den Demeterbetrieb Biohof Chrutig, finanziert von der Freien Gemeinschaftsbank.

Die Landstrasse bergauf, an Feldern und Gehöften entlang, erreichen wir den Biohof Chrutig oberhalb des 700-Einwohner:innen-Dorfes Baldegg. Der Blick schweift über den Baldeggersee und einen bunten Flickenteppich aus Ackerflächen, Waldflächen und Weiden. In der Luft kreisen Mäusebussarde, eine Geiss steht auf dem Scheunenvordach und beäugt uns neugierig. 

Intuitive Entscheidung
Selina Niederberger bläst gerade in ein altes Feuerhorn das Signal zum «Z’nüni» für die Hofgemeinschaft. Vor vier Jahren hat sie zusammen mit Alexander Häberling den Biohof Chrutig erworben. «Das war ein finanzieller Kraftakt», berichtet sie, als wir am langen Holztisch sitzen, «denn bei einer ausserfamiliären Hofübernahme richtet sich der Kaufpreis nicht nach dem Ertragswert, sondern nach dem Verkehrswert, und der liegt um ein Vielfaches höher.» «Aber es fühlt sich stimmig an», fährt sie fort und lacht: «Ich war damals hochschwanger,  vielleicht haben die Hormone zu einer intuitiv richtigen Entscheidung verholfen.» 

Zeit für etwas Eigenes
Kennengelernt haben sich Selina Niederberger, Landschaftsgärtnerin, und Alexander Häberling, Landschaftsgärtne und Baumpfleger, bei der naturnahen Landschaftsgärtnerei natUrban. Beide sind spezialisiert auf naturnahen Gartenbau mit einheimischen Pflanzen in Verbindung mit Permakultur und biologisch-dynamischem Landbau. Selina Niederberger hat sich am Goetheanum zur Gartenbaulehrerin ausbilden lassen. Nach einigen gemeinsam verbrachten Alpsommern pachteten sie einen Hof und konnten sich auf diese Weise solides landwirtschaftliches Wissen erwerben. Als die Pacht auslief, «war die Zeit gekommen, etwas Eigenes zu kaufen», meint Selina Niederberger. «Unser Traum war ein kleiner Betrieb ohne Ackerbau.» Sie schalteten ein Inserat in der «Tierwelt» und tatsächlich meldeten sich bald darauf die Vorbesitzer:innen vom damaligen Biohof Schwander (heute Biohof Chrutig). 

Der ideale Hof
Der Hof war wie gemacht für sie. «Die Böden waren in einem hervorragenden Zustand – seit 30 Jahren ohne schwere Maschinen biologisch-dynamisch bewirtschaftet», schwärmt Selina Niederberger. «Wir konnten alles übernehmen: die Infrastruktur mit Solarpanels und dem Bewässerungssystem aus Regenwasser, die Rinder, den Hofladen – sogar die Absatzkanäle waren seit Jahren etabliert.» «Nur die Finanzierung fehlte noch», wirft Alexander Häberling ein. «Freunde empfahlen uns die Freie Gemeinschaftsbank. Wir waren erstaunt, als die Kreditberater:innen zu uns nach Hause kamen und sich nicht nur das Projekt anschauten, sondern sich auch für uns als Menschen interessierten.» Um den Hof übernehmen zu können, absolvierte Alexander Häberling nebenberuflich eine Ausbildung zum Landwirt. 

Verbindung mit der Natur
Der Anfang auf Hof Chrutig war nicht ganz leicht: Wenige Tage nach der Hofübernahme kam Sohn Yuro zur Welt. Die Arbeit auf dem Hof zusammen mit der Sorge für das Baby forderten das junge Paar. «Glücklicherweise halfen die Vorbesitzer:innen das erste halbe Jahr mit und wir hatten ein gutes Umfeld, das uns aufgefangen hat», erzählt Selina Niederberger. Selina Niederberger und Alexander Häberling wollten den Hof nicht allein führen. Es fanden sich immer wieder Menschen, die für längere oder kürzere Zeit Teil der Hofgemeinschaft wurden, sei es als Angestellte, Mieter:in oder als Mitarbeitende:r mit Integrationsbedarf. «Wir bieten Menschen einen Ort, wo sie sich mit der Natur verbinden, sich helfend in eine Gemeinschaft hineinstellen und so ihre Balance wiederfinden können», sagt Selina Niederberger. 

Ästhetische Gesichtspunkte
Als Landschaftsgärtner:innen hatten Selina Niederberger und Alexander Häberling das Anliegen, den über viele Jahre sorgfältig geführten Demeterhof nach ästhetischen Gesichtspunkten zu gestalten. Heute säumen Calendula, Kornblume, Muskatellersalbei und Eselsdisteln die Gemüsebeete und Feldränder. «Damit fördern wir auch die Biodiversität», erklärt Selina Niederberger. «Früher gab es genug Wildblumen für die Insekten, weil die Flächen nicht zugebaut waren. Heute muss man gezielt Kräuter und Blumen anbauen.» «Wir investieren viel Liebe in den Hof», bringt es Selina Niederberger auf den Punkt. «Wir wollen im Zusammenspiel mit der Natur sein: nicht gegen die Natur arbeiten, sondern mit ihr. Was kann ich der Natur geben, damit sie mir auch etwas gibt?» «Manchmal merke ich, einer Pflanze geht es nicht gut. Dann muss ich sie beobachten und mir Begriffe dazu bilden. Beobachten – vertrauen – ausprobieren: das sind meine Herangehensweisen», sagt sie zum Abschied.

Biohof Chrutig in Zahlen

Landwirtschaftliche Nutzfläche in Hektaren
6
Waldfläche in Hektaren, mit Waldweiher zum Abkühlen
2
Hochstammobstbäume
280
Gemüsesorten
rund 30
Tomatensorten
rund 40
Gemüse-Abos in Demeterqualität, weitere 20 noch zu vergeben
40
Schottische Hochlandrinder
8
Hühner, darunter 1 zahmes Zirkushuhn
26
Laufenten, je nach Hunger des Fuchses
2-5