Von Hildegard Backhaus Vink
Die Freie Gemeinschaftsbank wird gelegentlich gefragt, wie sie zum Thema Bargeld gegenüber digitaler Währung steht. Anlässlich der Abstimmung über die Bargeldinitiative vom 8. März 2026 greifen wir dieses Thema in einem Gespräch mit Robert Mršić, Leitung Kreditberatung, und Bruno Gysin, Beratung institutionelle Kund:innen, auf.
In den letzten Jahren hat sich unser Geld immer mehr in Richtung digitales Zahlen entwickelt: angefangen von E-Banking und Kartenzahlung über Online-Bezahlsysteme wie TWINT bis hin zu digitalen Banken, die keine Filialen mehr haben. Wie beurteilt ihr diese Entwicklung?
Bruno Gysin: Ich geniesse die Einfachheit von digitalen Bezahlsystemen und auch die Transparenz: Ich sehe sofort, was ich ausgegeben habe. Gleichwohl sehe ich es kritisch, dass amerikanische Konzerne die Karten herausgeben und für Händler:innen zum Teil gravierende Kosten entstehen. Es ist gut, sich zu überlegen, welcher Anbieter durch meine Online-Zahlung verdient. Ein anderer Aspekt ist, dass mein Geld, das ich nicht für einen Zahlungsvorgang benötige, bei einer sinnstiftenden Bank positiv wirken kann. Jede Bank benötigt Liquidität, das kann Bargeld nicht.
Robert Mršić: Aus meiner Sicht sind die digitalen Bezahlsysteme eine konsequente Entwicklung: Wir haben in allen gesellschaftlichen Bereichen eine Digitalisierung und so auch insbesondere im Finanzwesen. Digitale Bezahlung ist angenehm, praktisch und hygienisch. Als positiv empfinde ich, dass ich in einem Online-Shop Dinge kaufen kann, die ich mit Bargeld nicht bezahlen könnte, beispielsweise Früchte von Crowd Container, die direkt von Kleinbauernbetrieben stammen. Insgesamt sind aber Abhängigkeit und Anonymität beim digitalen Zahlen grösser: Man weiss nicht, was mit dem Geld zwischen mir als Bezahlendem und dem Online-Shop passiert, die Kontrolle ist entzogen. Sind vier Stationen dazwischen oder sind es zehn?
Barzahlen finde ich dagegen grundsätzlich sympathisch, vor allem im lokalen Bereich, zum Beispiel auf dem Markt: Ich gebe den Markthändler:innen das Geld gern und erhalte im Gegenzug mein Gemüse. Es bedeutet auch eine Freiheit: Ich bin nicht abhängig davon, ob mein Smartphone aufgeladen ist, und man kann mich nicht kontrollieren. Interessant wird es, wenn ein Kreislauf entsteht: Ich zahle bar in einem Bioladen, die Besitzerin hat ein Konto bei uns und zahlt das Geld bar bei uns ein.
Welche Qualität hat elektronisches Zahlen und welche hat Barzahlung? Was bedeutet das für die Beziehung?
R.M.: Barzahlung ist aus meiner Sicht eine direkte Beziehung. Es ist ein bewusster Tausch. Eine digitale Bezahlung fühlt sich für mich so an, als fände das Bezahlen in einer anderen Dimension statt. Die räumliche Begrenzung wird aufgehoben. Daher kann man heutzutage problemlos in China einkaufen. Ausserdem bin ich beim digitalen Zahlen sehr mit dem Bezahlvorgang an sich beschäftigt. So findet die Transaktion nicht als Ganzes statt, sondern wird auseinandergerissen.
B.G.: Die beiden Zahlvorgänge haben eine völlig andere Beziehungsqualität. Die Dankbarkeit kommt beim Bargeld viel mehr zur Geltung. In dem Jugendzirkus, für den ich mich engagiere, hatten wir früher eine «Hutkollekte». Dabei hat man sich in die Augen geschaut, wenn der Betrag in den Hut gelegt wurde. Dann haben wir TWINT eingeführt, die Leute haben sich nicht mehr angeschaut oder sie haben einfach nur ihr Smartphone gezeigt. Wenn ich aber hinterher als Kassier die TWINT-Zahlungen kontrolliert und die Namen gelesen habe, haben wir uns in manchen Fällen noch einmal persönlich bedankt. Dieser Zahlvorgang hatte dann wiederum einen längeren Nachhall als eine anonyme Hunderternote in unserer Hutkollekte. Ich hatte auch gleich eine Übersicht über die Einnahmen und musste nicht aufwendig das Geld zählen. Insofern ist die digitale Kollekte einfacher. Wir bieten im Zirkus heute beide Kollekten an.
Was bedeutet digitales Geld für den bewussten Umgang mit Geld?
R.M.: Bewusster Umgang mit Geld hat eigentlich weniger damit zu tun, ob es digitales oder Bargeld ist, sondern es geht um den Prozess. Ich habe schon in mehreren Fällen im privaten Umfeld digital Geld ausgeliehen, also Geld überwiesen. Das war begleitet von Gesprächen. Das ist ein grosser Unterschied zu einem anonymisierten Kredit, beispielsweise mit einer Kreditkarte. Die Modalität des Geldes – digital oder bar – ist
dabei für mich gar nicht entscheidend.
B.G.: Dem stimme ich zu. Ich kann auch im Coop an der Selbstkasse mit Bargeld zahlen und im Hofladen mit TWINT. Vielleicht bin ich im Hofladen in Kontakt mit dem Bauern, der gerade die Regale auffüllt. Wenn die Bezahlung von Beziehung begleitet ist, hat sie eine andere Qualität, egal ob die Zahlung digital oder analog erfolgt.
Seht ihr das Problem der Kontrolle?
R.M.: Ja, Kontrolle und Abhängigkeit sind beim digitalen Geld in grossem Masse vorhanden, bis hin zu der Tatsache, dass über Bezahlsysteme Druck ausgeübt wird. Die Anbieter können auf politische Anweisung den Zugang für die Kund:innen erschweren oder sogar verhindern. Durch die Kontrolle will man Verbrechen aufdecken und Geldwäscherei sowie Terrorismusfinanzierung verhindern. Aber es gibt unglaublich viele Fälle, wo diese Macht missbraucht wird.
B.G.: Macht kann immer missbraucht werden, vor allem, wenn sie bei Einzelnen und Autokraten liegt.
R.M.: Es ist heute möglich, ein lückenloses 24-Stunden- Profil von einer Person zu erstellen, sogar Jahre zurück. Davon sind die finanziellen Transaktionen ein wichtiger Baustein: Ich gehe zum Bahnhof, kaufe eine Ticket, gehe in den Bioladen, decke mich mit Reiseproviant ein usw. Das ist Totalüberwachung. Ich bezahle an verschiedenen Orten bewusst bar. Für mich ist es wichtig, Bargeld zu haben und zu zahlen, auch wenn es mehr Aufwand macht.
Erklärt: Digitales Zahlen
Online-Überweisungen: Bei einer Inlandzahlung wird das Geld per E-Banking oder Mobile Banking von der eigenen Bank zur Empfängerbank überwiesen. Zur Übermittlung wird das System SIC der SIX Interbank Clearing AG genutzt.
Eurozahlungen werden über das System euroSIC der SIX abgewickelt und sind für Empfänger:in und Absender:in am günstigsten, wenn der SEPAStandard (Single Euro Payments Area) gewählt wird.
Kartenzahlung: Der Geldstrom verläuft über mehrere Stationen: von der Kundin oder dem Kunden über die eigene Bank zum Kartenherausgeber, danach über das Zahlsystem der Händlerin oder des Händlers zum Geschäft oder Online-Shop. Die Kartenherausgeber verdienen an diesem Geldstrom. Für Händler:innen ist eine Kartenzahlung mit Kosten verbunden, die je nach Vertrag substanziell sein können.
Zahlung mit Smartphone an der Kasse: Die Karte wird im Smartphone
hinterlegt. Dabei werden die Kartendaten weder beim Mobilfunkanbieter noch auf dem Smartphone gespeichert, sondern in einer Zeichenabfolge, dem sogenannten «Token» verschlüsselt. Dieses Token wird bei jeder Zahlung
neu generiert und dem Bezahlgerät übermittelt. Die Übermittlung geschieht mithilfe eines speziell eingebauten Chips mittels Near Field Communication (NFC), nicht über das Mobilfunknetz oder WLAN. Insofern ist die Bezahlung
per Smartphone sicherer als mit einer Karte. Der Weg, den die Bezahlung mit dem Smartphone anschliessend nimmt, ist derselbe wie bei der Kartenzahlung
(s.o.).
Bezahlsysteme wie PayPal u.a.: Die Bankverbindung oder die Kartendaten werden verschlüsselt beim Anbieter des Bezahlsystems hinterlegt. Der Zugang zu den Daten ist nur möglich, wenn man Benutzername und Passwort kennt.
Da Passwörter auch automatisch durch Rechner gehackt werden können, empfiehlt sich für die Nutzung von Bezahlsystemen die Einrichtung eines gesicherten Logins (Zwei-Faktor-Authentifizierung). Der Geldstrom bei der Bezahlung läuft über das Bezahlsystem. Anbieter von Bezahlsystemen
verdienen durch Gebühren für gewerbliche Kund:innen und die Verwendung der Gelder für kurzfristige Anlagen.
TWINT: Mit der Schweizer Bezahl-App TWINT sind kostenfreie Sofortüberweisungen an andere TWINT-Nutzer:innen möglich. Weder das Geld noch die Daten werden direkt auf dem Smartphone gespeichert. Personenbezogene Daten bewahrt TWINT an einem sicheren Ort in der Schweiz auf. TWINT verdient an den Händlergebühren, die höher ausfallen können als bei Kartenzahlung.