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Als Mensch akzeptiert werden – Verein Zürcher Eingliederung

September 2026

Von Hildegard Backhaus Vink

Der gemeinnützige Verein Zürcher Eingliederung bietet Menschen mit seelischen, intellektuellen oder körperlichen Schwierigkeiten Wege ins Arbeitsleben sowie Wohn- und Lebensraum. Eine ihrer Liegenschaften wird von der Freien Gemeinschaftsbank finanziert, ergänzt durch Treuhanddarlehen von Anlagekund:innen.

Zürich, Ende der 1960er-Jahre: Die Jugendlichen des Heilpädagogischen Instituts St. Michael kamen mit 18 Jahren aus der Schule – und standen auf der Strasse. Es gab kaum einen Ort, wo sie hätten arbeiten können. «Dem wollten einige Menschen Abhilfe schaffen», berichtet Helen Baumann, Geschäftsführerin des Vereins Zürcher Eingliederung, als wir uns an der Zürichbergstrasse treffen.

Zürcher Kerzenziehen als Initialzündung
Georg Müller, Präsident des Vereins St. Michael, und Michael Brons, Mitgründer des traditionellen vorweihnachtlichen Zürcher Kerzenziehens, sowie Hans Rudolf Walker vom Heilpädagogischen Institut St. Michael gründeten 1973 den Verein Zürcher Eingliederung, der sich – wie der Name sagt – die Integration von Menschen mit intellektuellen, seelischen oder körperlichen Schwierigkeiten in das gesellschaftliche und berufliche Leben auf die Fahnen geschrieben hatte. Das Kapital stammte aus dem Erlös des Zürcher Kerzenziehens von 1973.

Rasante Schritte
«Angefangen haben wir mit einer Holzwerkstatt, Metallwerkstatt und einer hauswirtschaftlichen Abteilung», erzählt Helen Baumann. «Zum einen ging es darum, den Menschen eine berufliche Perspektive zu bieten. Zum anderen wirkt die handwerkliche Tätigkeit, die Verbindung mit einem Produkt, gesundend und stärkt das Selbstvertrauen.» Von Beginn an setzt die Zürcher Eingliederung bewusst auf Qualität und Ästhetik. «Die Käufer:innen sollen unsere Produkte kaufen, weil sie sie wirklich haben wollen und nicht aus sozialen Motiven», betont Helen Baumann. 

Im rasanten Tempo ging es weiter: «Am Hottingerplatz übernahmen wir das Reformhaus und später die danebenliegende Bäckerei (die heutigen ‹Vier Linden Betriebe›), nach einigen Jahren kam der Demeterbetrieb Hof Wagenburg im Zürcher Oberland hinzu», fährt Helen Baumann fort. Das Angebot an unterschiedlichen Arbeits- und Ausbildungsplätzen wuchs dementsprechend an. «Aber noch gab es kein Wohnheim, wie es von Anfang an gewünscht war», so Helen Baumann. Die Beschäftigten der Werkstätten wohnten ausserhalb. 

Die grosszügige Schenkung
Das änderte sich schlagartig 1991: Der Verein Erholungshaus Zürich-Fluntern hatte sich nach über 100 Jahren aufgelöst und im Zuge dessen sein Erholungshaus an der Zürichbergstrasse der Zürcher Eingliederung geschenkt. Der Clou dabei: Die gesamte Inneneinrichtung wurde mitgeschenkt und so konnte nach einigen Umbauten das Haus bezogen we den. «Das war optimal für uns», sagt Helen Baumann, als wir durch die imposante Backsteinvilla von 1889 mit hohen Räumen und Fischgrat-Parkett laufen. Der stilvoll eingerichtete Salon mit Kassettenwänden, der Ess-Saal mit voll ausgestatteter Grossküche, Bürotrakt und Wintergarten – heute Atelier und Therapieraum – bieten ein grosszügiges Umfeld für das gemeinschaftliche Wohnen. Nicht zu vergessen der herrliche Garten, der mit Biotop, Obstbäumen, Schaukeln für das innere Gleichgewicht und vielen Erholungsoasen gestaltet wurde. 

Der Zeit voraus
«Die Zürcher Eingliederung war ihrer Zeit voraus», bringt es Helen Baumann auf den Punkt. «Zu einer Zeit, als Menschen mit kognitiver und seelischer Beeinträchtigung teilweise noch in der Langzeit-Psychiatrie lebten, haben wir ihnen einen Raum geboten, wo sie sich entfalten sowie lebenspraktische Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben konnten – immer mit dem Ziel der grösstmöglichen Selbständigkeit.» Auf diese Weise können sich die Menschen mit einer beruflichen Tätigkeit in die Gesellschaft einbringen, manche sogar auf dem ersten Arbeitsmarkt. «Das ist dann immer ein grosser Erfolg», berichtet Helen Baumann stolz. 

Was berührt Helen Baumann am meisten in ihrer Arbeit? «Meine Arbeit ist jeden Tag neu und überraschend. Ich merke immer wieder, dass wir von unseren Bewohner:innen viel lernen können: Sie sind vorurteilslos und nicht nachtragend, unmittelbar in ihren Gefühlsäusserungen und akzeptieren dich als Menschen so wie du bist.» Sie fügt an: «Und über eines freuen sich einige Bewohner:innen ganz besonders: Wenn es wieder gelungen ist, ein Treuhanddarlehen der Freien Gemeinschaftsbank zu erhalten. Dann freut sich die ganze Gemeinschaft mit.»

Erklärt

Der Verein Zürcher Eingliederung wurde 1973  gegründet. Ziel des Vereins ist es, Menschen mit einer intellektuellen, seelischen oder körperlichen Beeinträchtigung eine berufliche Tätigkeit zu bieten und soweit wie möglich zur Selbständigkeit zu ermächtigen. Basis der sozialpädagogische Arbeit ist das anthroposophische Menschenbild. Die Zürcher Eingliederung beschäftigt über 200 Menschen in folgenden Arbeitsbereichen: Textilwerkstatt, Kreativateliers, Lebensmittelabpackerei, Hauswartung, Gartenpflege, Schreinerei, Kerzenmanufaktur, die Vier Linden Betriebe sowie die Demeterbetriebe Hof Wagenburg und Triemenhof. Sie bietet Berufsausbildungen von der Praktischen Ausbildung (PRA) über das eidgenössische Berufsattest (EBA) bis zum Eidgenössischen Fachausweis (EFZ) an. 

Die Zürcher Eingliederung hat rund 300 Plätze für Menschen ab 18 Jahren bis zum Lebensende im Angebot. Die Bewohner:innen erhalten teils kostenfrei Therapien nach Wunsch: Chirophonetik, Heileurythmie, Musiktherapie, Sprachgestaltung, Rhythmische Massage, Maltherapie und Kinesiologie. Ermöglicht wird dies durch einen Lohnverzicht der Angestellten. Die unterschiedlichen Betriebe sind gegenseitig füreinander Geschäftspartner: So beziehen sie ihre Lebensmittel von den Höfen sowie den Vier Linden Betrieben und die handwerklichen Dienstleistungen aus den Werkstätten. Diese wiederum erhalten ihr Mittagessen aus der Küche der Gmeinschaft Züriberg der Zürcher Eingliederung. Auf diese Weise zirkuliert das Geld innerhalb der Gemeinschaft.