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Genossenschaft Ökodorf Sennrüti

August 2021

Von Hildegard Backhaus Vink

Das Ökodorf Sennrüti in Degersheim verbindet ökologisches Wohnen, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit sowie gelebte Integration im Alltag. Hier wohnen und leben rund 40 Erwachsene und 30 Kinder zwischen 6 Monaten und 83 Jahren. Die Freie Gemeinschaftsbank hat Sennrüti mit einem Darlehen unterstützt.

Inmitten der grünen St. Gallener Hügellandschaft mit ausgedehnten Wiesen und einzelnen Waldstücken befindet sich am Rande von Degersheim das ehemalige Kurhaus Sennrüti, heute Wohn- und Lebensort der Genossenschaft Ökodorf Sennrüti. Kinderautos, Sandeimer und Schaufeln vor dem Eingang deuten bereits darauf hin, dass hier neben 40 Erwachsenen 30 Kinder wohnen. Vor dem riesigen Bau aus den 1970er Jahren warten René Duveen und Markus Fellmann auf uns. «Zuerst ein Rundgang?» fragt Markus Fellmann und zeigt uns den Weg. Über Steintreppen gelangen wir zu einem grossen Garten mit Spielplätzen, Klettergerüsten, Baumhäusern, Tipi-Zelt, Saunahütte und Permakulturgarten. Hier befindet sich das ehemalige Therapiehaus, das heute an verschiedene Praxen vermietet wird, auch an die Genossenschaftsmitglieder. Eigene Betriebe führt die Genossenschaft nicht. «Wir wollten unseren Kindern in erster Linie einen Ort im Einklang mit Mensch und Natur bieten», sagt René Duveen, «deshalb haben wir auch keinen regelmässigen Seminarbetrieb.» 

Ein Zuhause für die Gemeinschaft
Beinahe jede der 30 Wohnungen besitzt eine Holzveranda mit Blick ins Grüne. «Das Haus ist aus Holzgerüsten gebaut, die mit Spanplatten gefüllt wurden», erzählt René Duveen, als wir in einer Wohnung stehen, «das hat uns beim Umbau geholfen, die einzelnen Zimmer zu Wohnungen mit Küche und Bad umzugestalten. » Das war im Jahr 2009. Damals erwarb die Genossenschaft mithilfe von Darlehen das leerstehende Kurhaus, ein 5-Millionen-Projekt, mit dem Ziel, eine Wohn- und Lebensgemeinschaft dort aufzubauen. «Die Vision einer Gemeinschaft, in der ein achtsamer Umgang mit sich selbst, den anderen und der Natur im Vordergrund stand, hat uns befeuert», so René Duveen weiter. 

Mit viel Selbsthilfe wurde das Haus im Laufe der Jahre nach baubiologischen Kriterien umgebaut. In viele Wohnungen wurden Lehmheizwände eingezogen. Zusätzlich wurden Cheminées an verschiedenen Plätzen aufgestellt, die für Wärme und Gemütlichkeit sorgen. Dreifach verglaste Fenster, Strohballen und Isofloc (aus Altpapier) isolieren das Haus auf ökologische Weise. «Unsere Solarpanels auf dem Dach erzeugen sogar mehr Strom als die Gemeinschaft verbraucht», erzählt Markus Fellmann stolz. Das aufgefangene, gereinigte Regenwasser speist WC-Spülungen, Waschmaschinen und die Gartenbewässerung. Im Erdgeschoss befindet sich die gut ausgestattete Gemeinschaftsküche. «Gebraucht – haben wir geschenkt erhalten», hören wir mit Staunen. Eine Bewohnerin oder ein Bewohner von Sennrüti hat einen CO2-Fussabdruck, der nur die Hälfte des Schweizer Durchschnitts beträgt. 

Teilen und Mitarbeiten
Neben den hellen Wohnungen stehen den Bewohnerinnen und Bewohnern zahlreiche grosse Gemeinschaftsräume zur Verfügung, wie Kinoraum, Werkstatt, Waschküche und Kinderspielparadies. Zentral sind der riesige Speisesaal – noch mit Kurhaus-Atmosphäre –, und die geräumige, gemütliche Wohnzimmer-Lounge. «Wir teilen Vieles: Fahrzeuge, Geräte, Internetzugang – und wir kaufen unsere Lebensmittel gemeinsam ein: direkt vom Bio-Hof, den Produzierenden oder beim Bio-Grosshandel », erklärt René Duveen, «das spart Transport und Verpackung.» Im Keller bewundern wir die grossen Vorratsfässer.
Um die Bestellung kümmert sich eine Essensgruppe – wie es überhaupt für alle Angelegenheiten Gruppen gibt. «Jede und jeder in der Gemeinschaft hat ein ‹Ämtli›», so René Duveen weiter. «Wir erwarten, dass sich die Genossenschaftsmitglieder einbringen: Raumpatenschaften, Gartenpflege, Kochgruppe für freiwilliges gemeinsames Mittagessen, Anlässe und Haustreffen – einfach alles, worum man sich in Haus und Gemeinschaft kümmern muss.» «Funktioniert das gut?» möchte ich wissen. «Die einen machen mehr, die anderen weniger, je nach Lebenssituation», meint Markus Fellmann. Wenn jemand unzufrieden ist, wird das Gespräch gesucht. 

Respekt und Geduld
Das Bemühen um ein soziales Miteinander ist eines der Hauptanliegen, um das sich die Gemeinschaft immer wieder neu formiert und findet. «Respekt, Toleranz, Sorgfalt und Geduld gegenüber dem anderen», heisst es in ihrer Vision. Jeden Donnerstagabend findet ein freiwilliges Haustreffen statt, an dem Gemeinschaftsfragen thematisiert werden. Entscheidungsfindungsprozesse werden an Gruppen delegiert. «Wichtige Entscheidungen werden aber in der ganzen Gemeinschaft diskutiert», erklärt Markus Fellmann. Nach einer Entscheidung gibt es die Möglichkeit, einen Einwand zu äussern. «Allerdings erwarten wir dann einen konstruktiven Vorschlag», so Markus Fellmann weiter. Für die Gemeinschaftsprozesse werden unterschiedliche Methoden genutzt. Und wenn es dann zu Unstimmigkeiten kommt? «Im Konfliktfall suchen wir das direkte Gespräch und holen uns auch schon einmal Prozessbegleitu ngvon aussen», meint René Duveen. «Jeder bringt seinen eigenen Rucksack mit. Da wird man in einer Gemeinschaft schnell mit sich selber konfrontiert – bekommt aber auch die Chance, bewusster zu werden und sich persönlich weiterzuentwickeln».